Geburtsvorbereitung online? Auch die Arbeit von Hebammen wurde durch Corona vor schwere Herausforderungen gestellt.

Saskia Esken und Hebammen aus Calw und Freudenstadt trafen sich zu einer Videokonferenz.

Fotonachweis: pixnio.com

CALW/FREUDENSTADT. Hebammen leisten in der Vorbereitung, der Begleitung und der Nachbereitung von Geburten einen unersetzlichen Beitrag zum gelingenden Start eines Menschenlebens. Dabei ist die Arbeit der Hebammen in den vergangenen Jahren immer stärker unter Druck geraten, nicht zuletzt durch knapp bemessene Vergütungen bei stetig steigenden Kosten für die Versicherung immer höherer Haftungsrisiken. Durch den Ausbruch des Corona-Virus ist die Arbeit von Hebammen noch einmal deutlich erschwert worden. Um sich über die aktuelle Situation von Hebammen und Gebärenden zu informieren, sprach die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken (SPD) in einer Videokonferenz mit Hebammen aus den Kreisen Calw und Freudenstadt. Ursula Jahn-Zöhrens, Eva Biermayer, Mirjana Gaiser, Judith Halter, Heike Klumpp, Melanie Krebs, Claudia Plappert und Janina Wennagel nahmen an dem Gespräch teil.

Ursula Jahn-Zöhrens, Hebamme aus Bad Wildbad, gab zu Beginn eine Einschätzung ab: „Corona war aus Sicht der Hebammen ernüchternd. In den Verordnungen wurde die Geburtshilfe nicht berücksichtigt, egal ob von Bund oder Ländern. Schutzausrüstungen waren teuer oder gar nicht vorhanden. Es war eine große Last, in dieser Situation von Haus zu Haus zu gehen.“ Inzwischen habe sich die Situation wieder etwas verbessert. Jahn-Zöhrens machte zudem auf einen Erfolg der Hebammen aufmerksam: „Ich bin sehr froh, dass für Hebammen eine Sondervergütungsleistung mit dem GKV vereinbart werden konnte.“ Die Hebammen konnten mit den Gesetzlichen Krankenkassen verabreden, dass übergangsweise alternative Formen der Leistungserbringung (wie z. B. Beratung über Telefon oder Videotelefonie oder Online-Geburtsvorbereitungskurse) zunächst bis Ende September ermöglicht werden. Janina Wennagel aus Dornstetten kritisierte den zunächst schwierigen Zugang zu Schutzausrüstung: „Weil wir freiberuflichen Hebammen Kleinstunternehmerinnen sind, wurden wir zunächst bei der Beschaffung von Schutzkleidung und Masken alleine gelassen – das war kompliziert und teuer. Von der GKV erhalten wir nur 62 Cent Zuschlag für einen Hausbesuch, das deckt nicht einmal die Kosten einer Einwegmaske. Das ist nicht akzeptabel!“

Viele Hebammen haben neue Wege ausprobiert und den Kontakt zu Schwangeren und Müttern im Wochenbett telefonisch oder per Videoübertragung gehalten. Melanie Krebs, Hebamme aus Bad Teinach-Zavelstein, erzählte: „Meine Geburtsvorbereitungskurse laufen online, allerdings liegt der Schwerpunkt auf Theorie, praktische Übungen wie Massagen etc. kommen zu kurz. Die Wochenbettbetreuung läuft mittlerweile wieder relativ normal.“ Janina Wennagel ergänzte: „Ich biete die Rückbildungskurse weiterhin online an. Die Rückmeldungen sind positiv. Die Frauen sind froh, auf Abstand zu bleiben.“ Judith Halter, welche als Familienhebamme beim Landratsamt Calw angestellt ist und damit ein weites Tätigkeitsfeld hat, fügte hinzu: „Für mich und die Familien war es vor allem am Anfang schwierig, bei den kindlichen Regulationsstörungen nur telefonisch zu beraten zu können.“

Die Situation in den Kliniken war ebenso ein Thema. Etliche Hebammen sind in Teilzeit in den Kliniken im Nordschwarzwald eingestellt. Heike Klumpp, Hebamme aus Dornstetten, blickte auf die Anfangszeit der Pandemie zurück: „In Freudenstadt durften die Partner nicht einmal bei der Geburt dabei sein. Die Gebärenden haben das schnell mitbekommen und sind dann auf andere Krankenhäuser ausgewichen.“ Mirjana Gaiser aus Baiersbronn ergänzte: „Zu Beginn der Pandemie gingen in den Kliniken Sterillium, Mundschutz und Schutzausrüstungen aus. Nun ist es etwas einfacher, die Kliniken haben Schnelltests und auch wieder ausreichend Schutzausrüstung." Insgesamt habe sich in der Pandemie gezeigt, dass ein deutlich größerer Vorrat an Schutzausrüstung benötigt würde als bisher der Fall, so der Tenor in der Telefonkonferenz. Saskia Esken mahnte darüber hinaus allgemein die Verbesserung der Situation der Geburtshilfe in den Kliniken an: „Da braucht es mehr Personal. Wären die Arbeitsbedingungen besser, würden die Hebammen auch in den Kliniken bleiben. Doch auch in der Kinder- und Jugendmedizin fehlen Fachkräfte, und wir müssen eine bessere Vergütung und mehr Ausbildung ermöglichen.“

Auch die Betreuung der eigenen Kinder stellt einige Hebammen vor große Herausforderungen. „Was mache ich, wenn die Kinder erkältet sind? Nach den letzten Monaten kann ich mich nicht mehr darauf verlassen, dass mein Kind betreut wird, wenn ich arbeite. Auch mein Mann kann nicht dauerhaft im Homeoffice arbeiten und nebenbei betreuen“, führte Melanie Krebs aus. Saskia Esken äußerte Verständnis für diese Sorgen: „Familien waren und sind während dieser Pandemie mit einer Doppel- und Dreifachbelastung konfrontiert, und das trifft insbesondere die Frauen. So gleich verteilt, wie wir uns das gewünscht haben, ist die Sorgearbeit und sind die Rollen leider noch nicht. Das hat viel damit zu tun, dass Frauen weniger verdienen. Wenn es dann notwendig wird, dass ein Partner die Arbeitszeit reduziert, wer wird das sein? Also übernehmen auch in Zeiten von Corona die Frauen die Betreuung. Da müssen wir ran!“

Prof. Dr. Claudia Plappert gab einen Einblick in den Bachelor-Studiengang Hebammenwissenschaft an der Uni Tübingen, welchen sie leitet: „Ich sehe es als große Errungenschaft, dass die Hebammenausbildung zukünftig an den Hochschulen stattfindet. Doch derzeit befürchte ich, dass der Aufbau der Studiengänge zu langsam ist, um den Abbau der Hebammenschulen zu kompensieren. Wir wünschen uns für diesen Aufbau mehr finanzielle Mittel, sodass wir mehr Studierende aufnehmen können.“ Mit dem Studium wird der Erwerb sowohl des akademischen Grades Bachelor of Science (B.Sc.) als auch der Berufszulassung als Hebamme/ Entbindungspfleger ermöglicht. Das Land entscheidet über die Höhe der Mittel, die es für die Ausstattung der Studiengänge zur Verfügung stellt. Saskia Esken machte deshalb deutlich: „Die Ausbildungskosten und Vergütung der Auszubildenden muss für so viele Studierende getragen werden, wie sich bewerben. Da darf sich die Landesregierung nicht wegducken, erst recht nicht bei dem aktuellen Hebammenmangel.“

Saskia Esken betonte zum Abschluss: „Ich habe drei Kinder sicher auf die Welt gebracht, vor allem, weil mich Hebammen gut betreut haben. Ihre Arbeit hat einen hohen gesellschaftlichen Wert und sollte auch dauerhaft entsprechende Wertschätzung erfahren. Ich danke Ihnen, dass Sie Ihre Arbeit auch unter den Herausforderungen der vergangenen Monate so weit als irgend möglich aufrechterhalten haben. Passen Sie auf sich auf – wir brauchen Sie!“

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