Saskia Esken
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Saskia Esken: Frauen im IT-Bereich als Vorbilder sichtbar machen

Interview in der Wochenzeitung „Das Parlament“ (Erschienen am 2. Juli 2018)

Die SPD-Digitalpolitikerin Saskia Esken fordert, Frauen im IT-Bereich stärker als Vorbilder sichtbar zu machen. „Bei vielen öffentlichen Diskussionsrunden sitzen bei den Themen nur Männer auf dem Podium. Dabei gibt es herausragende Informatikerinnen und Informationssoziologinnen“, sagte die Sozialdemokratin in einem Interview mit der Wochenzeitung „Das Parlament“ anlässlich der Einsetzung der Enquete-Kommission des Bundestages zur Künstlichen Intelligenz. Die Informatikerin sprach sich zudem dafür aus, die MINT-Förderung, also für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, schon in der Grundschule zu beginnen und nicht erst in der 8. Klasse. „In diesem Alter sind die Jugendlichen sehr stark in Geschlechterstereotypen verfangen, auch wenn sich das später wieder gibt. Kinder sollten in der Grundschule an diese Themen herangeführt werden und daran Spaß finden“, sagte Esken.

Grundsätzlich sieht die SPD-Abgeordnete erheblichen Nachholbedarf im Bildungsbereich, um auf die Herausforderungen der technischen Entwicklungen rund um die Künstliche Intelligenz reagieren zu können. „Das Bildungssystem hat weder die digitalen Kompetenzen schon hinreichend auf dem Schirm noch die Notwendigkeit, Menschen zu ermutigen und zu befähigen, ein Leben lang zu lernen“, sagte die 56-Jährige. Angesichts des Wandels der Arbeitswelt durch KI und Co. betonte Esken die Bedeutung von Aus- und Weiterbildung. Die Koalition wolle daher ein „Recht auf Weiterbildungberatung“ schaffen.

„Das Parlament“: Der Bundestag hat eine Enquete-Kommission zur Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt. Was versprechen Sie sich davon?

Esken: Ich erhoffe mir, dass wir wesentlich genauer verstehen, worum es jetzt und in fernerer Zukunft beim Thema KI gehen wird und in welchen Bereichen wir beispielsweise die Forschung stärken sollten. Vor allem müssen wir den gesellschaftlichen, rechtlichen und regulatorischen Rahmen dieser Entwicklungen gestalten, um klar zu machen, dass mit KI große Hoffnungen verbunden sind und in vielen Bereichen Verbesserungen kommen könnten – und eben keine neuen Unfreiheiten für Menschen.

„Das Parlament“: Ist Europa beim Datenschutz gut genug aufgestellt für die Big-Data- und KI-Revolution?

Esken: Europa ist perfekt aufgestellt. Ohne ein klares Datenschutzrecht wäre eben nicht geklärt, welche Daten genutzt werden können für Big Data und KI. Das sorgt auch für eine gute Qualität der Daten. Bei einer unklaren Regelung bestünde ja immer die Schwierigkeit, dass möglicherweise personenbezogene Daten genutzt werden, die nicht eingesetzt werden sollen.

„Das Parlament“: Mit der KI wird ein tiefgreifender Wandel der Arbeitswelt verbunden. Was sagen Sie LKW-Fahrern, Lageristen und Buchhalten, deren Jobs durch die technische Entwicklung auf der Kippe stehen?

Esken: Es heißt ja immer, dass vor allem Berufe mit geringer Qualifikation davon betroffen sein werden. Das ist nicht richtig. Auch im mittleren und hohen Qualifikationsbereich könnten Berufe, wenn es um einigermaßen serialisierbare Tätigkeiten geht, durch KI ersetzt werden. Wir müssen also auf Aus- und Weiterbildung setzen, damit die Betroffenen eben eine andere oder eine veränderte Tätigkeit ausüben können. Der LKW-Fahrer wird dann vielleicht nicht mehr hinter dem Steuer sitzen, aber sich vom Bildschirm aus um die Verkehrssteuerung kümmern.

„Das Parlament“: Um die Auswirkungen des Wandels in der Arbeitswelt abzufangen, wird auch das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) vorgeschlagen. Ist das ein gangbarer Weg?

Esken: Ich finde es fatal, dass das in diesem Kontext diskutiert wird. Das BGE ist ein spannendes Thema. Es ist aber kein Ersatz für wegfallende Arbeitsplätze. Die Idee gerät in eine argumentative Schieflage und wird missbraucht, wenn das BGE eine Lösung für diejenigen sein soll, die wir nicht mehr mitnehmen können. Wir haben aber die Verantwortung dafür zu sorgen, dass Menschen durch Erwerbsarbeit – ob nun produktiv oder gesellschaftlich – am gemeinschaftlichen Leben teilhaben und ihren Selbstwert generieren können.

„Das Parlament“: Ist der Bildungsstandort Deutschland für diese Herausforderungen gut genug aufgestellt?

Esken: Nein, bei weitem nicht. Das Bildungssystem hat weder die digitalen Kompetenzen schon hinreichend auf dem Schirm noch die Notwendigkeit, Menschen zu ermutigen und zu befähigen, ein Leben lang zu lernen. Die meisten Menschen gehen aus dem Schulsystem raus und sagen sich: Endlich ist es vorbei!

„Das Parlament“: Wie wollen Sie das ändern?

Esken: Wir haben uns als Koalition ein sehr weitreichendes Paket zu Weiterbildung vorgenommen. Wir wollen die Arbeitsagentur weiterentwickeln und so ein Recht auf Weiterbildungsberatung schaffen. Als Sozialdemokraten können wir uns auch ein Chancenkonto für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vorstellen. Es soll ihnen ermöglichen, sich selbstbestimmt Zeit für Weiterbildung nehmen zu können. Davon ist der Koalitionspartner aber noch nicht überzeugt.

„Das Parlament“: Was muss in den Schulen geschehen?

Esken: Mit der Umsetzung des Digitalpakts von Bund und Ländern wird der Bund Geld dafür geben können, die Schulen technisch auszustatten. Dabei geht es hauptsächlich um Breitband und WLAN. Zudem muss eine Bildungsplattform für digitale Lern- und Lehrinhalte geschaffen und mit den bestehenden Angeboten vernetzt werden. Aufgabe der Länder wird es sein, die Lehrkräfte aus- und weiterzubilden. Das ist bisher nicht hinreichend geschehen. Auch in den Lehrplänen müssen die digitalen Fähigkeiten verankert werden.

„Das Parlament“: Braucht es dafür ein neues Schulfach?

Esken: Ich plädiere für eine informatische Grundbildung in einem gesonderten Fach. Das muss kein Pflichtfach von der 1. bis zur 13. Klasse sein. Aber es muss die Möglichkeit geben, grundlegende Kenntnisse über rechtliche und technische Zusammenhänge des Netzes, die Algorithmen-Logik sowie Datenrecht und Datentechnik zu erwerben. Wichtig ist auch ein fächerübergreifender Ansatz. Digitale Medien und Lernmethoden müssen in allen Schulfächern Einzug halten.

„Das Parlament“: Die IT gilt als Männerdomäne. Wie lassen sich mehr Mädchen und Frauen in die Branche bringen?

Esken: Die MINT-Förderung, also für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, muss viel früher beginnen und nicht erst in der 8. Klasse. In diesem Alter sind die Jugendlichen sehr stark in Geschlechterstereotypen verfangen, auch wenn sich das später wieder gibt. Kinder sollten in der Grundschule an diese Themen herangeführt werden und daran Spaß finden. Dann kann sich das nicht so entwickeln, dass sich 12-, 13- oder 14-jährige Mädchen denken, sie könnten keine Mathe und Informatik sei zu trocken und langweilig. Das ist die eine Seite. Wir müssen aber auf der anderen Seite auch dafür sorgen, dass Frauen, die in dem Bereich tätig sind, als Vorbilder sichtbar gemacht werden. Bei vielen öffentlichen Diskussionsrunden sitzen bei den Themen nur Männer auf dem Podium. Dabei gibt es herausragende Informatikerinnen und Informationssoziologinnen. Die müssen wir dann aber auch entsprechend ins Schaufenster stellen.

„Das Parlament“: Gibt es Lebensbereiche, in denen es Ihnen nicht geheuer wäre, würde die Künstliche Intelligenz die Entscheidungsfindung übernehmen?

Esken: So würde ich das nicht formulieren. Ich würde eher darüber nachdenken, was zu tun ist, damit es mir – und auch den Menschen, die nicht in Enquete-Kommissionen sitzen – geheuer wird. Wir brauchen das größte Maß an Transparenz bei solchen Entscheidungsprozessen. Bei allem, was den Einzelnen betrifft, muss es aber eine menschliche Letztentscheidung geben beziehungsweise eine Möglichkeit, eine solche einzufordern. Ich würde es nicht akzeptieren, wenn zum Beispiel eine Entscheidung über eine medizinische Therapie maschinell gänzlich ohne Arzt getroffen wird.

„Das Parlament“: Sie sind selbst Informatikerin. Gibt es in dem Feld ein Verständnis für diese ethischen Fragen der technischen Entwicklung?

Esken: Auf jeden Fall. Die Informatik ist keine Zunft, die sich auf die reine Technik beschränkt. Dort gibt es eigentlich schon immer Diskussion über die Ethik.

„Das Parlament“: Wird die künstliche dereinst die menschliche Intelligenz übersteigen, wie manche fürchten?

Esken: Die Idee hinter der Künstlichen Intelligenz ist es, die menschliche Intelligenz nachzubauen. Aber dazu müsste klar sein, was das eigentlich ist und momentan gibt es keine klare Definition. Bei vielen menschlichen Fähigkeiten, etwa emotionale Intelligenz oder Kreativität, mache ich mir keine Sorgen, dass wir überflügelt werden. Überhaupt könnten wir statt von der Höhe der Intelligenz auch von der Breite sprechen und fragen: Wird die KI irgendwann breiter sein, als das, was wir haben?

 

Das Gespräch führte Sören Christian Reimer.

Saskia Esken (SPD) sitzt seit 2013 im Deutschen Bundestag. Die Informatikerin ist Mitglied im Innenausschuss und im Ausschuss Digitale Agenda.

 

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