Jugendverbandsarbeit im Wandel

Die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken und der Oberbürgermeister der Stadt Calw Florian Kling zu Besuch und im Gespräch mit dem BDKJ und der Katholischen Kinder- und Jugendarbeit.

Calw. Wie können junge Menschen auch weiterhin erreicht werden, wie kann Jugendarbeit unter veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gelingen? Welche Unterstützung brauchen Ehrenamtliche und Jugendverbände? Über diese und weitere Fragen tauschten sich die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken (SPD) und der Calwer Oberbürgermeister Florian Kling mit Fidelis Stehle, Landesvorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) aus.

Die Jugendarbeit im Dekanat Calw-Freudenstadt organisiert Maximilian Wolfrum, der im Haus der Katholischen Dekanat in Calw angesiedelt ist und die Gesprächsrunde in den neuen Räumen in der Calwer Bahnhofstraße begrüßte. Er gab einen Einblick in die vielfältige Arbeit des Jugendreferats. Von Freizeit- und Begegnungsangeboten über das Sommerferien-Opening bis zur Ausbildung von Gruppenleiterinnen und Gruppenleitern reicht das Spektrum.

„Ich bin in der Jugendverbandsarbeit groß geworden“

Für Esken ist Jugendarbeit in vielfältiger Weise ein Thema mit persönlichem Bezug. Die Bundestagsabgeordnete ist dreifache Mutter, ist „in der Jugendverbandsarbeit groß geworden“ und leitet im Bundestag den Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

„Kommende Woche haben wir den Bundesjugendring und seine Mitgliedsverbände im Ausschuss zu Gast. Es sei gerade heute im „digitalen Zeitalter“ wichtig, dass Kinder und Jugendliche „echte“ Räume hätten, in denen sie sich frei und ohne ihre Eltern bewegen, eigene Erfahrungen sammeln und Gemeinschaft erleben könnten, betont die Bundestagsabgeordnete. „Und das muss mehr sein als die Bushaltestelle“, so Esken.

 Ganztag als Herausforderung und Chance

Der Ausbau der Bildung und Betreuung im Ganztag verändere auch die Arbeit der Jugendverbände, machte der Oberbürgermeister als Träger von Kitas und Schulen deutlich. Damit Gruppenangebote und ehrenamtliches Engagement im Alltag von Kindern und Jugendlichen auch weiterhin ihren Platz fänden, müsse man aufeinander zugehen und sich hier und da zusammentun.

„In unseren Konzepten des Ganztags, aber auch außerhalb davon müssen die Angebote von Vereinen und Verbänden ihren Raum finden“, erklärte Kling. Ziel sei es, mehr Kinder bereits im Ganztag zu erreichen und gleichzeitig attraktive Angebote außerhalb der Schule zu erhalten.

Auch Esken betonte die Bedeutung gemeinsamer Lösungen und fragte nach, inwieweit die Arbeit der unterschiedlichen Träger schon heute ineinander verzahnt sei und wo es möglicherweise auch Synergien in der Zusammenarbeit gebe.

„Unsere Angebote sind offen für alle“, betonte Stehle. Er verwies darauf, dass junge Menschen traditionell über Pfadfinder, Ministranten-Gruppen, Eltern und Kindergruppen erreicht würden – zunehmend aber auch über Freundschaften, Zeltlager und andere Bildungs- und Freizeitangebote. Doch gerade angesichts des Ganztags, aber auch wegen eines Rückgangs in den Strukturen müsse Jugendarbeit stärker gemeinsam gedacht werden.

Verlässliche Finanzierung für die Jugendarbeit

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die Finanzierung. Stehle machte insbesondere auf die schwierige Situation von Übernachtungshäusern aufmerksam. Hohe Kosten und ein erheblicher Sanierungsstau setzten viele Einrichtungen unter Druck. Dabei seien diese Häuser wichtige Orte für Freizeiten, Vereine und Jugendgruppen – und damit auch Orte, an denen Demokratie praktisch erlebt werde.

Auch die Zukunft des Kinder- und Jugendplans des Bundes (KJP) wurde angesprochen. Esken verwies auf die schwierigen Haushaltsberatungen, machte aber zugleich deutlich: „Wir wollen nicht zulassen, dass ein Rückgang der Geburtenzahlen dazu führt, hier Geld einzusparen.“

Ihr sei außerdem wichtig, junge Menschen stärker selbst in politische Prozesse einzubeziehen. Ihre Stimme müsse in den entsprechenden Gremien gehört werden.

Kinder- und Jugendschutz auch durch Befähigung und Teilhabe

In der Jugendverbandsarbeit spielt der Schutz junger Menschen eine besonders wichtige Rolle. Konzepte der Selbstbestimmung ebenso wie der Selbstregulation, die Sensibilisierung und Schulung zu Gefährdungen, aber auch niedrigschwellige Schutzkonzepte mit vertrauenswürdigen, qualifizierten Ansprechpersonen müssten ineinandergreifen, „damit alle sich bei unseren Angeboten wohlfühlen“, so Stehle.

Esken brachte das aktuelle Thema des Kinder- und Jugendschutzes in der digitalen Welt zur Sprache. „Ich bin froh, dass die fachliche Debatte weit über die Frage ‚Bist Du für oder gegen ein Social Media Verbot?‘ hinaus geht. Junge Menschen brauchen nicht nur Schutz, sondern auch Befähigung und Teilhabe in der digitalen Welt“ verdeutlichte die Abgeordnete und unterstrich, dass auch Erwachsene von süchtig machenden Algorithmen und anderen problematischen Tendenzen betroffen seien, die sich aus den Geschäftsmodellen der Betreiber ergäben. „Wir müssen als Politik und Gesellschaft darauf bestehen, dass auch digitale Öffentlichkeiten sich Regeln unterwerfen müssen, die demokratisch von Menschen für Menschen gestaltet werden“ gab sich die Abgeordnete kämpferisch. Das sei aber eine Angelegenheit, die auf Ebene der Europäischen Union geregelt werden müsse.

Die Bandbreite moderner Jugendarbeit schafft Freiräume, stärkt Ehrenamt und Beteiligung, vermittelt demokratische Erfahrungen und bietet Schutz. Für Esken steht dabei eine zentrale Frage im Mittelpunkt: Wie können diese Räume unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen erhalten und weiterentwickelt werden?

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