Freudenstadt. Es ist kurz vor der Sommerpause, doch im Oberlinhaus herrscht noch geschäftiges Treiben. Und so erhielt die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken bei ihrem Besuch erneut einen guten, aktuellen Einblick in die vielfältigen Angebote der Einrichtung. Sie sprach mit den Direktoren Hans-Henning Averbeck und Hartwig Hils über aktuelle Herausforderungen und diskutierte anschließend mit angehenden Erzieherinnen und Erziehern über die Zukunft der pädagogischen Arbeit.
Die frühe und gute Förderung bester Chancen für alle Kinder und Jugendlichen ebenso wie die gute Betreuung und Pflege kranker und altersbedingt pflegebedürftiger Menschen – zwei Bereiche, in denen der Fachkräftemangel sich längst als Flaschenhals für eine gute Versorgung zeigt. Während mit den „Boomern“ eine große Alterskohorte demnächst in Rente geht, kommen nur wenige junge Menschen nach. Gleichzeitig sind junge Menschen aus aller Welt auf der Suche nach einer guten beruflichen Perspektive.
Das Oberlinhaus zeigt mit seiner „Chancenschmiede“, wie diese Herausforderungen zusammen gedacht und bewältigt werden können. Die Einrichtung greift mit ihren Angeboten den Fachkräftemangel in sozialen Berufen auf und verbindet dabei Ausbildung mit Integration. Am „Campus Pflege Nordschwarzwald“ werden junge Menschen unter anderem aus Indien und Vietnam auf ihren Weg in die Ausbildung vorbereitet. Auf eine einjährige Vorbereitungsphase mit Sprachförderung und Orientierung folgt die dreijährige Berufsausbildung, mit deren Abschluss einem guten Weg in den Beruf nichts mehr im Wege stehen sollte.
Averbeck berichtete von den Erfahrungen aus der Praxis. Entscheidend für eine erfolgreiche Integration sei die Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber. „Wer aus einer ländlichen Region kommt, findet sich hier oft schneller zurecht als jemand, der aus einer Millionenstadt stammt“, schilderte Averbeck. Ebenso wichtig seien eine stabile und langfristige Zusammenarbeit des Oberlinhauses mit den Sprachschulen in den Herkunftsländern.
Neben der internationalen Fachkräftegewinnung informierten Averbeck und Hils über weitere Arbeitsbereiche des Oberlinhauses. Dazu gehören die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter, eine Mutter-Kind-Gruppe sowie die Ausbildung angehender Erzieherinnen und Erzieher. Im Herbst startet zudem ein neuer Ausbildungsgang für Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter.
Auch die finanziellen Rahmenbedingungen sozialer Bildungsarbeit waren Thema des Austauschs. Die Angebote des Oberlinhauses werden unter anderem durch Pauschalen der Bundesagentur für Arbeit sowie durch Vereinbarungen mit der Jugendhilfe des Landkreises getragen. Die zukünftige Entwicklung der Finanzierung bleibt jedoch eine Herausforderung.
Esken wies auf das angekündigte Bundesprogramm „Zweite Chance“ hin. Bisher sei noch wenig konkret, doch klar sei, dass es um eine zweite Chance für die etwa 60.000 Jugendlichen gehen soll, die die Schulen jährlich ohne Schulabschluss verlassen. Ziel müsse es sein, dass diese den Schulabschluss noch erwerben, aber auch einen Weg in Ausbildung und Beruf finden können.
Für Esken ist dieses Programm ein gutes Signal, benachteiligte junge Menschen nicht im Stich zu lassen. „Eine zweite Chance ist wichtig. Gleichzeitig müssen wir aber dafür sorgen, dass möglichst jedes Kind seine erste Chance nutzen kann“, sagte sie. Bedeutsam sei dafür das Startchancenprogramm der Ampel-Regierung, das Schulen mit besonders benachteiligter Schülerschaft besonders unterstütze. Auch das Qualitätsentwicklungsgesetz für die Kitas werde nun um diesen Aspekt erweitert.
„Je früher wir damit anfangen, soziale Nachteile auszugleichen und Kinder gezielt zu fördern, desto höher ist die „Rendite“ und desto mehr können wir für eine gute Zukunft der ganzen Gesellschaft erreichen. Auch die Ganztagsangebote im Grundschulalter spielen da eine ganz entscheidende Rolle. Wir müssen darauf bestehen, dass die hoffentlich nur kurzfristig zurückgehenden Geburtenzahlen nicht zu finanziellen Kürzungen in der frühkindlichen Bildung führen. Ich kann die Haushälter im Land und in den Kommunen nur ermutigen, die Mittel und die Fachkräfte im System zu lassen“ mahnte Esken.
Gerade im Bereich der Kindertagesbetreuung sieht das Oberlinhaus große Herausforderungen. Während die Zahl der Auszubildenden im Erzieherberuf zurückgeht, steigt der Bedarf an Fachkräften weiter. Esken verwies darauf, dass dies ein bundesweiter Trend sei. Wenn wegen des Fachkräftemangels, aber auch wegen zurückgehender Kinderzahlen nun Gruppen reduziert oder Kitas geschlossen würden, treffe das letztlich die Bildungschancen von Kindern und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Wie wichtig diese Themen für die nächste Generation von Fachkräften sind, zeigte sich beim anschließenden Besuch der Abschlussklasse des Berufskollegs für Sozialpädagogik.
Die angehenden Erzieherinnen und Erzieher wollten unter anderem wissen, wie das Startchancen-Programm des Bundes funktioniert. Esken erklärte, dass Schulen mit besonderen Herausforderungen gezielt finanziell unterstützt werden – etwa durch zusätzliche Fachkräfte, multiprofessionelle Teams und besondere Förderangebote. Im Bereich der Kita gehe es ebenfalls um Personal, aber auch um gemeinsame Bildungsziele und um gezielte Förderung im Bereich der Sprache und der psychosozialen Entwicklung.
Auch der Umgang mit Rechtsextremismus in den Einrichtungen wurde von den Fachschülerinnen und Fachschülern angesprochen. Esken betonte, dass Erzieherinnen und Erzieher ebenso wie Lehrkräfte keine Verpflichtung zur Neutralität hätten, sondern im Gegenteil einen Auftrag, zu den Werten unserer Verfassung zu stehen. Die Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe sei insofern klar zurückzuweisen. Kinder kämen ohne Vorurteile auf die Welt und kämen von sich aus gar nicht auf solche Ideen.
Gleichzeitig brauchen die Einrichtungen nach Meinung der Abgeordneten klare Konzepte für Integration und Inklusion. Die Ankündigung der AfD, Kinder mit Behinderung ebenso wie Kinder von Eltern mit befristeter Aufenthaltserlaubnis von der gemeinsamen Schule auszuschließen, wies die Abgeordnete klar zurück. Eine solche Ausgrenzung bestimmter Kinder und Jugendlichen widerspreche den Grundprinzipien von Integration und Inklusion, aber auch den Werten unserer Verfassung, die die Würde des Menschen weder von seiner Herkunft noch von seiner Behinderung abhängig mache.
Zum Abschluss der Gesprächsrunde richtete Hils dankend den Blick auf die angehenden Fachkräfte selbst: „Sie haben es gehört: Ihre Ausbildung ist für die Zukunft unserer Kinder, unseres Landes und unserer Gesellschaft enorm wichtig!“
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