Saskia Esken
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"Wir müssen den Integrationsbegriff breiter auslegen"

Der "Arbeitskreis Gemeinwesen Calw" begrüßte jüngst in ihrer Runde einen Gast aus Berlin. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sprach mit den Anwesenden über die veränderten Herausforderungen in der Integrationsarbeit.

Von Links: Bratislav Bozovic (Caritas), Peter Böltz (Diakonie), Günter Stricker (AK Asyl Calw), Saskia Esken, Pfarrer Dieter Raschko, Andreas Reichstein (Erlacher Höhe), Udo Strobl (Jobcenter Calw). (Foto: Benjamin Breitmaier)

Calw. Der Vorsitzende des Asylkreis Calw, Günter Stricker, berichtete in der Runde im Calwer Kaffeehaus, wie sehr sich die Arbeit der Ehrenamtlichen in den vergangenen beiden Jahren verändert hat. Fragen der Versorgung und die Begleitung von Asylverfahren traten immer weiter in den Hintergrund. Andere Probleme ergaben sich für die aktuell etwa 200 anerkannten Flüchtlinge in Calw. Die drängendsten Themen seien laut Stricker die Suche nach passendem Wohnraum und Fragen rund um das Thema Arbeit. "Die meisten haben mittlerweile Integrationskurse abgeschlossen und viele stehen bereits in Lohn und Brot", berichtete der Asylkreisvorsitzende.

Unterstützung sei aber nach wie vor dringend notwendig. Vor allem auch, weil die Zahl der aktiven Ehrenamtlichen stetig abgenommen habe. Von ehemals 150 Aktiven seien etwa 30 geblieben, die sich regelmäßig um die hier ansässigen Flüchtlinge kümmern.

"Viele Flüchtlinge tun sich beispielsweise schwer mit unserem dualen Ausbildungssystem", erklärte Stricker. Die praktische Arbeit in den Unternehmen werde oft mit Bravour gemeistert, doch die Anforderungen der Berufsschule seien für Flüchtlinge, die teils wenig Schulbildung und noch ausbaufähige Kenntnisse der deutschen Sprache aufweisen, oft zu hoch. Vor allem ehrenamtliche Paten seien daher dringend gesucht. Die Abgeordnete wies auf das Bundesprogramm "Bildung und Teilhabe" hin, das auch für die schulische Unterstützung von Geflüchteten Mittel bereitstellt, und empfahl eine Vernetzungsbörse für unterstützungsbedürftige Auszubildende und potentielle Paten. Zudem erinnerte sie an die bestehende Organisation ehrenamtliche Lernbegleiter, die vom Landratsamt begleitet wird.

Im selben Zusammenhang bat Udo Strobl vom Jobcenter Calw die Abgeordnete zu klären, ob die sogenannte "3 + 2"-Regelung - eine Aufenthaltsgarantie über fünf Jahre für Geflüchtete in Ausbildung - auch auf die sogenannte Helfer-Ausbildung ausgeweitet werden könnte. Esken versprach die Idee mit nach Berlin zu nehmen.

Andreas Reichstein, Abteilungsleiter der Erlacher Höhe in Calw, weitete den Begriff der Integration auf den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Finanziell schwächer gestellte Gesellschaftsgruppen verlören die Chance, am öffentlichen Leben teilzuhaben, auch das sei eine Form der Ausgrenzung. In diesem Zusammenhang begrüßte er das Vorhaben der Koalition, langzeitarbeitslosen Menschen Zugang zu einem Sozialen Arbeitsmarkt zu eröffnen. Esken wies auf die schwierige Lage bei der Entlastung Geringverdienender hin - die häufig diskutierten Steuersenkungen seien hier nicht wirksam. Eine Stärkung der Einkommen, z.B. über einen höheren Mindestlohn und bessere Tariflöhne sei ebenso notwendig wie die Entlastung bei Abgaben und Gebühren, wie sie die Koalition in Berlin jetzt angehe. Weiterhin sprach sich die SPD-Politikerin für eine Kindergrundsicherung aus: "Es muss endlich Schluss sein damit, dass die einen große Vermögen erben und die anderen die Armut ihrer Eltern".

Bratislav Bozovic von der Caritas, der neben Peter Böltz, Leiter der Calwer Diakonischen Bezirksstelle und Pfarrer Dieter Raschko die kirchlichen Institutionen vertrat, sprach die besondere Situation älterer Migranten der ersten Stunde an, die sich schwer damit tun, die Strukturen der sozialen Hilfen zu nutzen. Auch hier werde deutlich, so Esken, wie wichtig es sei, in den Schulen, der öffentlichen Verwaltung, aber auch bei Beratungsstellen Migranten zu beschäftigen, auch um bestehende Schwellen abzubauen. Hier sei noch viel Nachholbedarf.

Im Zusammenhang mit Geflüchteten in Arbeit, denen ohne sicheren Aufenthaltsstatus eine Abschiebung "von der Werkbank weg" droht, berichtete Esken über die Verhandlungen eines Einwanderungsgesetzes. Die SPD-Bundestagsfraktion will Geflüchteten in Arbeit einen "Spurwechsel" in das Einwanderungsverfahren ermöglichen, die Union lehnt das derzeit noch ab. "Ich frage mich, ob die Unionskollegen eigentlich mal mit den Arbeitgebern dieser Menschen gesprochen haben. Die werden doch hier gebraucht!" ärgert sich Esken. Viel Zuspruch der Runde erfuhr zum Abschluss der Vorschlag, bei einer Veranstaltung Unternehmen zu Wort kommen zu lassen, die geflüchtete Menschen beschäftigen.

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