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SPD-Fachtagung „Bildung in einer digitalisierten Welt“

Foto: Kira Sagner

Kinder wachsen heute ganz selbstverständlich mit Computern, Tablets und Smartphones aus. Doch in Schulen werden die digitalen Möglichkeiten noch viel zu selten genutzt. Die Tagungsgäste am 15. Juni waren sich einig: Mehr digitale Bildung ist möglich und nötig.

Die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft schreitet unaufhaltsam voran. Kinder wachsen heute ganz selbstverständlich mit Computern, Tablets und Smartphones auf, haben aber dennoch oft nur geringe "Medienkompetenz", vor allem wenn sie aus Haushalten mit geringeren Einkommen stammen. Auf Einladung der SPD-Fraktion diskutierte am 15. Juni 2015 ein breites Publikum im Bundestag, welchen Chancen und Herausforderungen sich insbesondere die Schulbildung hierzulande stellen muss.

 

Durch den Zugang zum Wissen dieser Welt und durch grenzüberschreitende Kommunikation und Kollaboration befördert die Digitalisierung einen grundlegenden Wandel. Die SPD-Bundestagsfraktion ist überzeugt: Für eine gerechte Teilhabe an den Chancen dieses Wandels braucht es Kompetenzen, die unser Bildungssystem bisher noch nicht hinreichend im Fokus hat. Daher begleitet sie das Vorhaben der Digitalen Agenda der Bundesregierung, mit den Ländern und weiteren Akteuren des Bildungssystems eine „Strategie Digitales Lernen" zu erarbeiten. Unter anderem haben die zuständigen Arbeitsgruppen Bildung und Forschung und Digitale Agenda der SPD-Fraktion bereits ein eigenes Positionspapier herausgegeben und gemeinsam mit dem Koalitionspartner einen Antrag erarbeitet (Drs. 18/4422), der die notwendige, ebenen- und sektorenübergreifende Zusammenarbeit aller Akteure des schulischen Bildungssystems in den Blick nimmt. 

 

Auf Initiative der zuständigen Berichterstatterin Saskia Esken wurde der Dialog am 15. Juni mit einer öffentlichen Fachtagung fortgesetzt. Der Einladung ins Paul-Löbe-Haus im Bundestag folgten Bildungspolitikerinnen und -politikern der europäischen, Bundes- und Länder-Ebene, Expertinnen und Experten aus Verbänden, der Wissenschaft und der Wirtschaft sowie ein interessiertes Fachpublikum.

 

 

"Digital ist überall" und doch nur "ein Teil dieser Welt"

Das Internetzeitalter habe fast alle Bereiche unseres Lebens erreicht, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Sören Bartol, der die Fachtagung eröffnete. Daher ginge es schon lange nicht mehr darum, die Frage zu beantworten, ob man die Digitalisierung in der Bildungspolitik berücksichtigen müsse, sondern wie. Obwohl deutsche Schulen auch bei der medialen Ausstattung international hinterherhinken, gehe es nicht mehr nur um die Frage, wie viele Computer pro Klassenzimmer bereitgestellt werden müssten, betonte Bartol. Entscheidendere gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen seien etwa: Welche Kompetenzen braucht ein Mensch in einer digitalisierten Welt? Wie kann ein Lernen im Humboldt’schen Sinne im digitalen Zeitalter aussehen? Oder: Welche Aufgaben kann und muss Politik hier übernehmen?

 

Ernst-Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, wies darauf hin, dass der von einigen Medien thematisierte Kulturkampf zwischen "Bildungs-Digitalisten" und "Bildungs-Traditionalisten" nur "Schein" sei. Denn die digitalisierte Welt sei selbst nur "ein Teil dieser Welt", so Rossmann. Mit neuen digitalen Medien seien lediglich neue "Kulturwerkzeuge" hinzugekommen, wie früher etwa der Rechenschieber. Der große Unterschied zu vergangenen Lerntechnologien sei jedoch: Digitale Medien ermöglichten Interaktion und Kommunikation – und damit völlig neue zusätzliche Möglichkeiten.

Bezüglich der politischen Ausgestaltung Digitaler Bildung betonte Rossmann: Hier könne der Bund nur "anstoßende Komponente" sein. Um noch besser zu unterstützen, werbe die SPD-Fraktion für eine stärkere Kooperationsmöglichkeit zwischen Bund und Ländern, die aufgrund der föderalen Ordnung im Bildungsbereich eingeschränkt ist. 

 

Digitale Bildung ist emanzipatorische Schlüsselkompetenz

Neben der Frage der Ausstattung in Schulen, gehe es bei Digitaler Bildung vor allem um den Erwerb neuer Kompetenzen und damit auch um soziale und digitale Teilhabe und Inklusion, betonte die SPD-Abgeordnete Saskia Esken in ihrer Keynote. Aus Sicht sozialdemokratischer Bildungspolitik sei es daher besonders wichtig, die bereits messbare "Digitale Spaltung" der Gesellschaft aufzuhalten, gemeinsam mit allen Akteuren des Bildungssystems. Ein souveräner und reflektierter Umgang mit digitalen Medien dürfe nicht vom Einkommen und dem Bildungshintergrund abhängen, mahnte Esken. Genauso sollte die Chance genutzt werden, mit Hilfe digitaler Medien barrierefreie Bildungsangebote einzusetzen.

Esken machte deutlich, dass ihrer Ansicht nach Digitalisierung und Bildung in wechselseitigem Abhängigkeit-Nutzen-Verhältnis stehen: Bildung könne zum Gelingen der Digitalisierung und für die Überwindung einer digitalen Spaltung beitragen. "Ebenso wichtig" sei aber auch, "was – sozusagen im Gegenzug – die Digitalisierung für die Bildung tun kann". Als Grundlage müssten sich Lehrerinnen und Lehrer zwar mit neuer Technik, Software und dem Mediennutzungsverhalten ihrer Schülerinnen und Schüler auseindersetzen, Digitale Bildung sollte aber nicht zwangsläufig als Zusatzaufgabe, und damit gar als Belastung wahrgenommen werden. Sie könne auch deutlich zur Entlastung der Lehrkräfte beitragen, sagte Esken wie auch viele andere Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer.

 

Schnell Handlungsprobleme lösen

Ties Rabe (SPD), Senator für Schule und Berufsbildung der Hansestadt Hamburg mit Berufserfahrung als Gymnasiallehrer, appellierte an die Anwesenden "Diskutiert praxisnah!". Wenn er seinen Kindern von seinem "Weg in die digitale Welt" und den technischen Entwicklungen der letzten dreißig Jahre erzähle, höre sich dies für sie wie Erzählungen "aus der Ritterzeit" an, berichtete Rabe. Die technologische Entwicklung sei so rasant, dass man nicht warten könne, die Bildung an die digitalisierte Welt anzupassen, betonte Rabe. In Schulen sieht er Digitale Bildung als Querschnittsaufgabe für alle Fächer.

 

Bevor die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung in parallelen Workshops gemeinsam konkrete Maßnahmen entwickelten, gab es auch zwei Impulsreferate von Vertretern aus der Wissenschaft. Richard Heinen vom Learning Lab der Universität Duisburg-Essen berichtete von seiner Projektarbeit mit Schulen, die "heute schon versuchen, 'digitale Bildung' zu leben, zu erproben und einzuführen", und präsentierte seine daraus abgeleiteten Thesen für die Praxis. Diese Bedingungen hält er für besonders wichtig (> mehr zu Heinens Vortrag):

  • Schulen brauchen eine gute und stabile Infrastruktur mit professionellem Support.
  • Eine Vernetzung der Schulen und der engagierten Lehrkräfte ist förderlich.
  • Es bedarf Offenheit, die Lernerfahrungen und Ideen der Lernenden und die Technik, die sie mitbringen, produktiv zu nutzen.
  • Im Fokus sollte die Wertschätzung und Anerkennung der Arbeit stehen, die von Schulen und Lehrkräften heute schon geleistet wird. Und nicht das Jammern über jene, die noch nicht so weit sind.

 

Prof. Dr. Christoph Igel vom der Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz präsentierte Chancen und Bedingungen "Intelligenter Bildungsnetze". Inzwischen sei das Entscheidende die Datensteuerung und damit für die Bildung "datengetriebenes Lernen", sagte er. Bildungseinrichtungen müssten sich daher nicht nur mit digitaler Infrastruktur, sondern vor allem auch mit Diensten, Anwendungen und Daten auseinandersetzen. Das sei insofern problematisch, als einige Schulen in Bezug auf ihre Hardware- und Software-Ausstattung noch in "früheren Jahrzehnten steckengeblieben" seien, so Igel. Sowohl Heinen als auch Igel plädierten auch bei den verwendeten Geräten im Unterricht für "Heterogenität als Chance". Nach dem Motto "Bring your own device" (BYOD) könnten Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihren Lehrkräften technische Grenzen abschätzen lernen und kooperative Lösungswege erproben. Letztendlich müsse jede Schule aber ihre eigene "Digitale Kultur" entwickeln, sagte Heinen. "Kristallisationspunkt" seien am besten technikaffine Lehrkräfte, die vorweg gehen. 

Unsere Dokumentation mit Interviews und Impressionen:

André Spang und Bob Blume haben die Veranstaltung ebenfalls als Berichterstatter begleitet und haben einen kleinen Film auf https://www.youtube.com/watch?v=58lDESb2zCI zur Verfügung gestellt und für die Hochschulforum Digitalisierung des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft diese Blogbeiträge verfasst: http://hochschulforumdigitalisierung.de/blog/hochschulforum-digitalisierung/bidiwe-15-bildung-digitalisierten-welt-ein-spd

Ein Fotoalbum der Tagung ist hier bereits online: https://www.flickr.com/photos/spdbundestagsfraktion/sets/72157654631764411

Bob Blume (@legereaude) hat die Keynotes und den Workshop „Medienbildung und/oder informatische Grundbildung – kein Gegensatz“ mit sketchnotes festgehalten. Auf seiner Twitterseite können diese sketchnotes betrachtet werden. 

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